4-Tage-Woche: Utopisches Sozialparadies oder höhere Lebenszufriedenheit bei mehr Produktivität?

Seit Juli 2022 testet Großbritannien bis Jahresende das Modell der 4-Tage-Arbeitswoche bei rund 70 Unternehmen und 3.300 Mitarbeiter:innen. Dabei ist das Pilotprojekt quer durch die Unternehmenslandschaft vom kleinen Einzelunternehmer bis zum Softwarekonzern verteilt. „Wir werden analysieren, wie Arbeitnehmende auf einen zusätzlichen freien Tag reagieren, und zwar in Bezug auf Stress und Burnout, Arbeits- und Lebenszufriedenheit, Gesundheit, Schlaf, Energieverbrauch, Reisen und viele andere Aspekte des Lebens“, sagt Juliet Schor vom Boston College, die Leiterin dieses Pilotprojektes. Doch ist es realistisch, nachhaltig die Produktivität bei verkürzter Arbeitszeit und voller Lohnfortzahlung zur halten oder sie sogar noch zu erhöhen und dabei auch noch eine gesteigerte Lebenszufriedenheit der Beschäftigten zu erreichen?

Großbritannien ist dabei nicht das einzige Land, welches sich mit dem Testen des 4-Tage-Konzeptes beschäftigt. 2015 versuchte sich bereits Island mit einem ähnlichen Versuch und schaffte bei (in der Spitze bis zu) 2.500 Arbeitnehmer:innen die 5-Tage-Arbeitswoche ab. 2017 gab es dann einen kleineren zweiten Testlauf mit etwas 400 Mitarbeiter:innen. Hierzu sind zwei wesentliche Aspekte hinzuzufügen: In Arbeitszeitstatistiken der OECD taucht Island häufig weit vorne auf. Die Wochenarbeitszeit gehört zu den höchsten weltweit und das durchschnittliche Erwerbsleben mit 47 Jahren zu den längsten in ganz Europa. In Umfragen beklagen viele Bürger allerdings auch immer wieder Schattenseiten dieses Phänomens: zu wenig Zeit für Freizeit und Familie, eine hohe Zahl von Burn-out-Patienten. Zudem muss gesagt werden, dass insbesondere der Versuch 2015 für Island bei einer gesamten arbeitenden Bevölkerung von etwa 200.000 Personen eine erhebliche Größe darstellt. Kritik an der Studie gibt es hingegen insbesondere deshalb, da unter den Autoren kein einziger Ökonom vorzufinden war. Auch ist fraglich, ob sich die Ergebnisse auf andere Länder mit einer komplexeren Wirtschaftsstruktur als Island übertragen lassen.


Viele der Teilnehmer:innen reduzierten ihre Wochenarbeitszeit jedoch von 40 auf 36 oder 35 Stunden, bei gleichem Gehalt. Der Clou: »Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen«, heißt es in einer Auswertung. Um Produktivitätseinbußen bei Beschäftigten in Island zu verhindern, wurde die Verkürzung der Arbeitszeit flankiert durch eine Überarbeitung der Arbeitsroutinen: Meetings wurden in weniger Zeit abgehalten oder vollständig durch E-Mails ersetzt, und es wurde gezielt nach Aufgaben gesucht, die sich ersatzlos streichen lassen. Insgesamt zeigte sich eine positive Entwicklung durch die Verkürzung der Arbeitszeit: Leistung und Produktivität sind bei der 4-Tage-Woche konstant geblieben, Anzahl der Überstunden ist im Vergleich zur 5-Tage-Woche nicht übermäßig angestiegen, die Umstellung auf die 4-Tage-Woche war nicht so aufwändig wie angenommen und positive Ergebnisse waren zudem bei den Beschäftigten in Bezug auf Zufriedenheit und Gesundheit festzustellen. So gab es im Beobachtungszeitraum weniger Krankenstände und Burn-Outs. Für Interessierte gibt es hier den gesamten Studienbericht nachzulesen: https://en.alda.is/wp-content/uploads/2021/07/ICELAND_4DW.pdf


Auch Spanien führte ein Pilotprojekt der 4-Tage-Woche ein. Die Idee dafür kam von Iñigo Errejon, Chef der kleinen Linkspartei Más País. 6.000 Mitarbeiter:innen aus 200 hauptsächlich mittleren und kleineren Unternehmen arbeiten einen Tag pro Woche weniger und verzichten damit auf die 5-Tage-Woche. Dabei sollen sie aber ihr volles Gehalt bekommen. Die Idee dahinter: Firmen schaffen mit der Vier-Tage-Woche neue Jobs in Spanien. Denn setzen fünf Beschäftigte jeweils einen Tag pro Woche aus, wird das Unternehmen eine zusätzliche Vollzeitkraft einstellen, um die gesamte Arbeit in der 4-Tages-Woche und nicht in der 5-Tage-Woche erledigen zu können. Gegenstimmen kommen vor allem aus der Wirtschaft. Schon im Dezember bezeichnete Ricardo Mur, Präsident der Vereinigung von Unternehmen aus Aragonien, den Vorstoß als „Wahnsinn“. Mur sagte: „Um aus einer Krise herauszukommen, muss mehr gearbeitet werden, nicht weniger.“


Es gibt jedoch auch gegensätzliche Bewegungen die wöchentliche Arbeitszeit betreffend. Die Deutschland-Chefin von Microsoft, Marianne Janik, hat sich in der Diskussion über eine längere Wochenarbeitszeit offen für eine 42-Stunden-Woche gezeigt. „Wir müssen uns in der Krise öffnen für neue Vorschläge und sollten auch mal Extremvorschläge diskutieren. Insofern verstehe ich nicht, warum die Reaktionen auf den Vorschlag einer 42-Stunden-Woche so negativ sind“, sagte Janik den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.


Wir nehmen unsere 5-Tage-Arbeitswoche als Standard hin, doch das war sie nicht immer. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war die 6-Tage-Arbeitswoche Standard. 1908 stellte dann eine Mühle in den USA die Arbeitswoche auf eine 5-Tage-Woche um. Das heißt, auch am Samstag wurde nicht gearbeitet, da die größtenteils jüdischen Angestellten darum baten, samstags den Sabbat abhalten zu dürfen. Großflächige Anwendung fand das Konzept der 5-Tage-Woche in Europa jedoch erst durch den Einsatz von Gewerksaften in den 50iger bis 80iger Jahren. 1955 gab beispielsweise der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zum Maifeiertag die Forderung und den Slogan aus: „40 Stunden Arbeit sind genug!“. Ein Jahr später begann der DGB dann eine Kampagne zur Einführung der Fünftagewoche unter dem Motto „Samstags gehört Vati mir!“. Ziel war eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden (5 Tage à 8 Stunden).


Ein Vorteil der 4-Tage-Woche ist die längere Erholungsphase der Mitarbeiter. Allein die Aussicht sorgt schon für einen großen Motivationsschub. Das Gefühl, mehr Freizeit zu haben, kann die Bereitschaft für Überstunden an den 4 Arbeitstagen pro Woche steigern. Die vorhandene Zeit wird produktiv genutzt, überflüssige Zeitfresser lassen sich oftmals streichen. Und die drei Tage zur Entspannung wirken sich wiederum positiv auf die Gesundheit aus. Die Mitarbeiter:innen der Vier-Tage-Woche bekommen mehr Zeit zum Ausschlafen, für Hobbys oder gemeinsame Zeit mit der Familie. Krankheiten lassen sich bei der 4-Tage-Arbeitswoche besser auskurieren oder sogar verhindern. Auch volkswirtschaftlich hätte die 4-Tage-Woche durchaus positive Auswirkungen. Bei der Reduktion der Arbeitszeit in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts waren positive volkswirtschaftliche Aspekte durch die vermehrte Freizeit bei Arbeitsplätzen in der Freizeitindustrie spürbar. Es entwickelte sich, nun der breiten Masse zur Verfügung stehende, Tourismus und es wurden neue Arbeitsplätze und Steuereinnahmen generiert. Auch bei Kosten der Krankheitsvorbeugung und -Behandlung in Zusammenhang mit der reduzierten Arbeitszeit bei einer 4-Tage-Woche lassen sich positive wirtschaftliche Aspekte verbuchen. Nicht zu vernachlässigen wäre auch der Aspekt der gesteigerten Produktivität, der durch den Fokus auf das wesentliche (effiziente Meetings, …) sowie die Wahrnehmung privater Termine (Arzt, Handwerker, …) in der Freizeit zu erreichen wäre. Wie Nachhaltig dieser Effekt wäre, kann jedoch nicht ermittelt werden. Es besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter:innen nach der ersten Welle der „Euphorie“ in die klassischen Muster der Produktivität aus der 5-Tage-Woche verfallen könnten.


So innovativ die Idee der 4-Tage-Woche auch klingt, sie ist für manche Branchen nicht immer umsetzbar. Da der Großteil der Kunden und auch die Konkurrenz das Konzept nicht nutzen, macht sich das System im Gegensatz zur 5-Tage-Woche dort schnell als Nachteil bemerkbar. Ein zusätzlicher freier Tag bedeutet bei der Vier-Tage-Woche auch einen Tag ohne abgeschlossene Verträge und ohne den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen. Somit kann die Konkurrenz diese 4 Arbeitstage pro Woche ausnutzen. In vielen Branchen würde durch die Einführung einer 4-Tage-Woche der ohnehin bereits vorherrschende Fachkräftemangel verstärkt werden. Fachkräftemangel beschränkt sich dabei nicht lediglich auf die Informationstechnologie. Wir haben auch ein massives Defizit an Arbeitskräften in der Gastronomie, Hotellerie, der Pflege, dem Handwerk und der Medizin, um lediglich einige wenige zu nennen.


Wie auch immer sich die Zukunft entwickeln wird, die 5-Tage-Woche gab es auch nicht immer und die Welt hat den Wandel gut überstanden. Ich sage nicht, dass ich von der 4-Tage-Woche begeistert bin, finde es jedoch ein interessantes Konzept, welches es weiter zu diskutieren und kritisch zu beleuchten gilt und wenn die Zeit reif geworden ist, es möglicherweise auch in die Praxis umzusetzen.



 


TOMAS JISKRA tomas@jiskra.at

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