Die Stunde Null

Ich hoffe, ich konnte euch in meinem letzten Blogbeitrag meine Motivation, Freude, aber auch die Trauer und den Schmerz meiner letzten Stunde als Angestellter nachvollziehbar und realitätsnahe vermitteln. Die Geschichte lehrt uns, dass es wichtig ist, die Vergangenheit zu kennen, um über die Zukunft und gewisse Sachverhalte sprechen und urteilen zu können. In meinem aktuellen Blogbeitrag möchte ich mich meiner damaligen unternehmerischen Zukunft, der „Stunde Null“ widmen.





Stellt euch vor, es ist 5 Uhr morgens. Du wachst voller Motivation auf, durchläufst dein tägliches Morgenritual, kleidest dich an und… Und dann? Dann stehst du vor einem de facto unendlichen Ozean an Möglichkeiten aber gleichzeitig auch vor einer großen Leere.


Menschen sind Gewohnheitstiere und brauchen ihre gewohnten Abläufe. Nun gibt es diese aber auf einmal nicht mehr. Du hast kein Büro, in das du fahren kannst, du hast keinen Kunden, den du anrufen kannst, du hast vielleicht nicht einmal die Firma, für die du arbeiten möchtest. Ich kann nicht sagen, dass es sich schlimm angefühlt hat – lediglich komisch im Sinne von ungewohnt war es. Du bist gezwungen dich neu zu erfinden, deine Abläufe neu zu kreieren und dein Leben vollkommen neu aufzustellen. Dazu zählt auch die Wahl deines neues Business-Partners, des Menschen mit dem du demnächst mehr Zeit verbringen wirst, als mit deinem Ehepartner.

Mir war es wichtig, mein (neues) Business mit jemanden zu starten, der die gleichen Werte vertrat und Visionen wie ich hatte, aber in der Umsetzung, im Auftreten, anders war und Know-how aus einem anderen Bereich mitbrachte. Heute bin ich davon überzeugt, dass es wichtig ist eine Geschäftsidee zusammen mit – zumindest - einem weiteren Partner umzusetzen. Dein Partner soll dir aber nicht zu ähnlich sein, denn das würde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht funktionieren und würde zudem keinen Mehrwert schaffen. Ein heterogenes Gründerteam ist nicht die Summe, sondern das Produkt der vorhandenen Skills und steigert die Produktivität enorm. Man verkörpert vice versa einen vernünftig-kritischen Counterpart für Entscheidungen, Reflexion eines Selbst und verschafft dem Anderen auch, die insbesondere in der Early Stage nötige, mentale Kraft und Stabilität bei Rückschlägen.


Das TTP-Gründerteam im Jahr 2012


Auch wenn es mit meinem Partner anfangs nicht leicht war, da wir - wie bereits beschrieben - vom Typ her sehr unterschiedlich waren. Ich war der ungeduldige Vertriebsmann, der irgendwo oberhalb der Maslowschen Bedürfnispyramide schwebte wirres und manchmal sogar größenwahnsinniges Zeug redete. Mein Partner war der bodenständige, nachdenkliche und fachlich starke, sich aber emotional lediglich selten öffnende Manager. Er hörte sich immer alles an, dachte gründlich darüber nach und äußerte irgendwann – möglicher Weise – seine Meinung dazu . Aber es ist nun mal wie bei Magneten: Gegensätze ziehen sich an. Ich denke im Übrigen wir hätten beide nie den bisherigen Erfolg ohne den jeweils Anderen einfahren können.

Ich hatte vor meiner Selbständigkeit die Expansion eines deutschen Unternehmens nach CEE geleitet und führte dieses Unternehmen aus Tschechien heraus. Von daher war es für uns naheliegend, dass wir unsere Firma in unserem damaligen „Heimatmarkt“ Tschechien gründeten. Unser erstes Büro eröffneten wir übrigens nicht in einer Garage, sondern auf einem ehemaligen Bauernhof, der in den 90iger Jahren zu einer Art postsozialistischer Bürolocation umdisponiert wurde. Es gab keinen Luxus und war weit von jeglichem öffentlichen Verkehrsanschluss, dafür aber ruhig und vor allem leistbar.


Meine damalige Woche begann stets montags um 3:30, denn um kurz vor 5 h morgens fuhr mein Zug von Wien, wo meine – zu dem Zeitpunkt – schwangere Frau wohnte und wir zusammen unsere Wochenenden verbrachten, nach Prag, wo sich mein neues Business befand. Es gibt nur wenige Menschen, die sich vorstellen können, was dies bedeutet, denn um halb vier morgen aufstehen ist schon hart. Und es erfordert viel Kaffee und noch mehr geistiger (und letztendlich auch körperlicher) Kraft, um dies über sich ergehen zu lassen. Aber man gewöhnt sich daran. Ein Auto hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht, daher blieb mir keine andere Option als die 2. Klasse des IC in Anspruch zu nehmen. Ich kam um 10 Uhr in Prag an, und dann startete der eigentliche Arbeitstag.


Expansionsetappe III: TTP „Headquarters“ im Jahr 2012 mit zwei weiteren Büros und in Summe rund 17 m2


Als Gründer hast du viele Aufgaben: du bis Finanzchef, Vertriebsmann und Putzfrau zugleich. Du muss dich um alles selbst kümmern, musst Strukturen schaffen und neue Kunden für deine Firma gewinnen. Obwohl ich mich damals als gestandenen Vertriebsmann und erfahrenen Akquisiteur titulieren würde, war diese Aufgabe eine der Schwersten überhaupt. Ich hatte bereits in der Vergangenheit neue Kunden akquiriert und Geschäftsmodelle von null an entwickelt. Diesmal war es jedoch anders. Wir waren ein absoluter Nobody. Wir hatten keine Konzernmutter im Rücken, keine Referenzen, auf die wir uns berufen hätten können. Viele Kunden sagten mir bereits bei meiner Verabschiedung aus dem letzten Job, dass sie sehr zufrieden mit mir sind und mir überallhin folgen werden. Es dauerte dann jedoch rund zwei weitere Jahre, bis wir die ersten größeren Kunden für uns überzeugen konnten und durch unsere Dienstleistung punkten konnten. Zwei Jahre können richtig lange sein, wenn du 100% eigenfinanziert bist und de facto keine Finanzreserven hast.


Sales-Kick-Off Veranstaltung 2016 mit bereits über 20 Vertriebsmitarbeitern


Ich kann heute jedoch guten Gewissens sagen, dass es sich ausgezahlt hat, diese Mühen über sich ergehen zu lassen und kann jedem unternehmerisch tätigen Mitstreiter nur Mut zusprechen. Der Wille ist stärker als der Schmerz, den man erleidet! Und auch wenn ich heute nur noch selten zweite Klasse IC fahre, weiß ich von jeder Position und von jeder Tätigkeit in meinem Unternehmen, was der jeweilige Mitarbeiter wahrscheinlich fühlt, was sein Job umfasst und wie man ihm oder ihr zum Erfolg verhelfen kann. Ich bin selber jeden Weg persönlich erfolgreich gegangen, auch wenn es oftmals an meinen seelischen und körperlichen Möglichkeiten grenzte.